Eric Ward

Dennis Banks, der charismatische und leidenschaftliche Verfechter der Souveränität indigener Völker, stellte den jungen Eric Ward vor eine Herausforderung. Sie kam in Form einer sanften Frage, doch Eric hörte sie laut und deutlich.

Damals war Ward Student am Lane Community College in Eugene, Oregon, und hatte die Aufgabe, Banks, der sich auf einer Vortragsreise befand, zu begleiten. Banks war Mitbegründer und langjähriger Anführer der American Indian Movement. Er machte landesweit auf die Situation indigener Amerikaner*innen und ihren Gemeinschaften aufmerksam, insbesondere als Anführer des „Trail of Broken Treaties“, einer landesweiten Protestkarawane, sowie der anschließenden Besetzung des Bureau of Indian Affairs in Washington, D.C. im Jahr 1972, der 71-tägigen Besetzung von Wounded Knee in South Dakota im Jahr 1973 und als Organisator des „Longest Walk“ von Kalifornien nach Washington D.C. im Jahr 1978.

Ward selbst hatte als schwarzes Kind während der Aufhebung der Rassentrennung in den 1970er Jahren Rassismus und Hass erlebt, als er mit dem Bus zu einer ausschließlich weißen Schule gebracht wurde. (Diese verbalen Angriffe kamen laut ihm immer von Erwachsenen, nie von anderen Schüler*innen.) Er liebte Musik und fand als Teenager ein Zuhause in der aufkommenden Punkrock-Szene jener Zeit, in der das Interesse an der Musik wichtiger war als die Hautfarbe oder andere Unterschiede. Später engagierte er sich gegen gewalttätige weiße Nationalisten und Neonazis, die versuchten, die Szene für sich zu vereinnahmen. Politisiert wurde er, nachdem er von seiner Heimatstadt Long Beach in Kalifornien nach Eugene in Oregon gezogen war und begann, sich mit lokalen Themen und gesellschaftlichen Anliegen auseinanderzusetzen. Doch auf Banks’ Frage war er nicht vorbereitet.

„Dennis Banks und ich haben gemeinsam gegessen, und dann wandte er sich zu mir und fragte: ‘Wofür stehst du?’ Genau das sagte Dennis Banks: Wofür stehst du?“, erinnert sich Ward.

„Ich sagte irgendetwas, Sie wissen schon - ich bin Punkrocker, wahrscheinlich irgendetwas, das mir gerade einfiel... Er war sehr freundlich zu mir. Er sprach viel mit mir. Und mir wurde klar, dass ich beim nächsten Mal, wenn mir jemand diese Frage stellt, in der Lage sein wollte, sie direkt zu beantworten. Das hat mich wirklich erschüttert … und genau das brachte mich auf meinen Weg.“

Ward half dabei, ein lokales Projekt namens Communities Against Hate zu gründen. Sie organisierten wöchentliche öffentliche Bildungsprogramme zu Themen wie dem Holocaust, Antisemitismus, Homophobie und dem Aufstieg der weißen nationalistischen Bewegung. Sie veranstalteten Workshops zu reproduktiven Rechten, zu sogenannten „conversion programs“ für Schwule und Lesben sowie dazu, wie man auf Hassverbrechen reagieren kann. Außerdem verteilten sie Informationsflyer vor den Arbeitsplätzen und Wohnhäusern von Neonazis, um Personen und Organisationen sichtbar zu machen, die Hass verbreiteten.

 
Fanatismus bewegt sich immer vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Deshalb reagiert die Zivilgesellschaft meist erst auf diese Themen, wenn sie sichtbar eskalieren, und behandelt sie dann so, als wären sie plötzlich aus dem Nichts entstanden.
— Eric Ward
 

„Wir waren stolz darauf, eine breit aufgestellte Organisation aufgebaut zu haben. Es waren nicht nur Punkrocker*innen dabei. Es waren Geschäftsinhaber*innen, konservative und liberale Menschen, Hippies, Menschen aus der Stadtverwaltung oder dem Bildungsbereich“, sagt er. „Unser Grundsatz war, dass es keinen Platz für Fanatismus gibt. Fanatismus würde keine Antwort auf die komplexen Probleme liefern, mit denen wir in unserer Gemeinschaft konfrontiert waren.“

Diese Erfahrung half ihm zu erkennen, dass es nicht ausreicht, lediglich ein einzelner Aktivist zu sein, sagt Ward.

„Es hat mir geholfen zu verstehen, wie wichtig systemischer Wandel sowie der Aufbau von Organisationen und gesellschaftlicher Stärke sind … dass Gemeinschaften Menschen brauchen, die Kampagnen organisieren, Bildungsarbeit leisten und Strukturen aufbauen.“

Heute ist Ward eine der führenden Stimmen Amerikas zu Autoritarismus, hassmotivierter Gewalt, Antisemitismus und dem Kampf für eine multikulturelle, inklusive Demokratie. Er ist Executive Vice President der nationalen Organisation Race Forward sowie Senior Fellow beim Southern Poverty Law Center. Er hat vor dem US-amerikanischen Kongress über Extremismus und antidemokratische Bewegungen ausgesagt. Zudem ist er Co-Produzent der Dokumentation White with Fear, die zeigt, wie die politischen Rechte Spannungen nutzen, um Einfluss und Macht zu gewinnen. Sein mutiger und häufig zitierter Essay „Skin in the Game: How Antisemitism Animates White Nationalism“ hat die nationale Debatte über Antisemitismus mitgeprägt und gilt als Schlüsseltext zum Verständnis des jüngsten Anstiegs rassistischen Autoritarismus in den Vereinigten Staaten.

Er ist außerdem Fellow von Widen the Circle in Berlin und Teil des Jahrgangs 2025. Das Fellowship ist ein intensives, einjähriges Programm, das amerikanische und deutsche Erinnerungs-Aktivist*innen zusammenbringt, die Geschichte nutzen, um gegen Fanatismus vorzugehen, Demokratie zu stärken und Heilung zu fördern.

„Meine gesamte Arbeit basiert auf den Lehren der Vergangenheit und den Geschichten, die ich daraus ableiten konnte“, sagt Ward. „Es hilft uns zu verstehen, dass wir Teil eines langen, generationsübergreifenden Bogens des Widerstands und des Wunsches nach einer besseren Gesellschaft sind, in der wir alle frei von Angst leben, lieben, glauben und arbeiten können - ohne Wenn und Aber. … Es ist die Geschichte der Menschlichkeit, und sie verbindet Millionen von uns auf der ganzen Welt.“

Wards Weg, vom Busfahren über die Punkrock-Kultur und Community Organizing bis hin zum landesweit bekannten Experten, gibt ihm eine breite Perspektive auf die Herausforderungen im Kampf gegen Fanatismus, Autoritarismus und Hass.

„Fanatismus bewegt sich immer vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Deshalb reagiert die Zivilgesellschaft meist erst auf diese Themen, wenn sie sichtbar eskalieren, und behandelt sie dann so, als wären sie plötzlich aus dem Nichts entstanden. Aber die Wahrheit ist: Innerhalb von Subkulturen und Gemeinschaften bewegen sich die weißen, nationalistischen Bewegungen, von MAGA und anderen Gruppen, vom Rand in die Mitte über Jahrzehnte hinweg. Eigentlich begann diese Entwicklung schon Anfang der 80er Jahre. Man könnte sogar sagen, dass sie direkt nach den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung begann“, sagt er.

„Niemand möchte solche langfristigen Investitionen in Menschenrechte und Bürgerrechte tätigen. Wir wollen schnelle Ergebnisse. Ich sage oft: Wir leben in einer 30-Minuten-Sitcom-Kultur; wir denken, alles müsse schnell und einfach gelöst werden. Aber so ist es nicht.“

„Wir glauben immer, die extreme Rechte würde verschwinden, richtig? Ich könnte auf Zeitungsartikel verweisen, die alle paar Monate das Ende von MAGA oder anderen autoritären, organisierten und rassistischen Bewegungen verkünden, dass sie gescheitert seien, verschwinden oder ihren Höhepunkt überschritten haben. Aber die Wahrheit ist: Sie erreichen keinen Höhepunkt und verschwinden nicht. Sie werden erst verschwinden, wenn es eine tragfähige Alternative gibt. Und diese Alternative wird ohne tiefgreifende Investitionen nicht entstehen.“

Mehr dazu

Sehen Sie sich hier Eric Wards Keynote über ‘Othering’, die historischen Wurzeln von Antisemitismus und Rassismus sowie die Kraft von Kunst und Kultur im Kampf gegen Autoritarismus und rechte Bewegungen an. Er sprach beim Summer Forum 2025 von Widen the Circle in Berlin.

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