Das National Memorial for Peace and Justice in Montgomery, Alabama
Die Scheune in Drew, Mississippi, in der Emmett Till ermordet wurde
Die Edmund-Pettus-Brücke in Selma, Alabama
Erinnerung im tiefen Süden der USA
Eine Studienreise der Widen the Circle Fellows widmet sich Fragen der Erinnerungskultur
Das Netzwerk der Fellows von Widen the Circle kommt am 10. Oktober in Montgomery, Alabama, zusammen, um eine achttägige und Studienreise durch drei südliche Staaten der USA anzutreten.
Die Gruppe wird bekannte Gedenkstätten und historische Orte besuchen, darunter das National Memorial for Peace and Justice, das Emmett Till Interpretive Center und das National Civil Rights Museum. Darüber hinaus stehen zahlreiche lokale Erinnerungsorte auf dem Programm, an denen Geschichte bewahrt wird. Die Teilnehmenden werden auch direkt mit den Menschen ins Gespräch kommen, die diese Orte aufgebaut haben und betreiben.
Die 23 Teilnehmenden sind in der Erinnerungsarbeit engagierte Menschen aus den USA und Deutschland. Sie alle haben am Berlin Fellowship von Widen the Circle teilgenommen, einem einjährigen Programm, dessen Herzstück eine achttägige intensive Lernerfahrung in Berlin bildet. Zum ersten Mal kommen die Fellows nun in den USA zusammen, um gemeinsam zu reisen und zu lernen.
Die Studienreise nach Alabama, Mississippi und Tennessee knüpft an die gemeinsamen Lernerfahrungen in Berlin an und führt unser gemeinsames Engagement fort, die Erinnerungsarbeit in einer Zeit aufrechtzuerhalten, in der historische Wahrheiten zunehmend infrage gestellt werden.
Wer hat die Deutungs- und Gestaltungshoheit über das öffentliche Erinnern? Wie wird diese Gestaltungsmacht von anderen Akteurinnen und Akteuren anerkannt, gestärkt oder infrage gestellt?
Sowohl in den USA als auch in Deutschland steht die Erinnerungskultur unter Druck – durch politische Angriffe, öffentlichen Widerstand, den Entzug finanzieller Mittel und zunehmende Bestrebungen, schwierige Kapitel der Geschichte zu verzerren oder auszulöschen. Viele Menschen, die sich in der Erinnerungsarbeit engagieren, arbeiten isoliert. Das Treffen des Fellowship-Netzwerks schafft Zeit und Raum, um wieder miteinander in Verbindung zu treten, Vertrauen zu vertiefen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie öffentliches Erinnern funktioniert – und wie es verteidigt, erneuert und wirksam gestaltet werden kann.
Die Gruppe wird sich mit gemeinsamen Fragen auseinandersetzen, darunter:
Wer hat die Deutungs- und Gestaltungshoheit über das öffentliche Erinnern? Wie wird diese Gestaltungsmacht von anderen Akteurinnen und Akteuren anerkannt, gestärkt oder infrage gestellt?
Worin unterscheiden sich zivilgesellschaftliche und institutionell geprägte Formen des Erinnerns und wann unterstützen oder untergraben sie sich gegenseitig?
Wie können Erinnerungsorte denjenigen gerecht werden, die am stärksten von Gewalt betroffen waren und sich zugleich mit jenen auseinandersetzen, die von ihr profitiert haben?
Wann trägt Erinnerungsarbeit zu Gerechtigkeit bei und wann droht sie, zum bloßen Symbol zu werden?
Wie kann Erinnerung Menschen vom Wissen zum Zeugnisablegen und vom Zeugnisablegen zu Verantwortung, Empathie und Handeln führen?
Wir verstehen Erinnerung nicht als etwas Feststehendes, sondern als ein lebendiges Ökosystem. Erinnerung wird durch persönliche Zeugnisse, Archive aus den Gemeinschaften heraus, Denkmäler, Museen, Bildung, öffentliche Rituale, Kunst, Musik, Esskultur und Orte weitergetragen. Sie entfaltet ihre Wirkung auf individueller, institutioneller, gemeinschaftlicher und staatlicher Ebene.
Erinnerung kann uns auch Erkenntnisse über uns selbst und unsere Lebenszusammenhänge vermitteln. Sie ist oft lebendig und heilig und hilft uns, Verbindungen herzustellen und unseren Landschaften, unserer Musik, unseren Glaubenstraditionen und alltäglichen Praktiken Bedeutung zu verleihen. Sie kann politisch sein und sichtbar machen, wie Macht in der Gegenwart wirkt. Sie verdeutlicht unsere Rolle als Zeug*innen und die Verantwortung, die wir möglicherweise gegenüber den Toten, den Überlebenden und künftigen Generationen tragen.
Und natürlich ist Erinnerungsarbeit niemals abgeschlossen. Unsere gemeinsame Reise ist zugleich ein Akt des Erinnerns, der Bewahrung des Vermächtnisses vergangener Generationen und des fortwährenden gemeinsamen Aufbaus dieses Ökosystems.