„Sei mutig, sei kreativ ... bewirke etwas“ 

Die Lehrerin Sandra Butsch inspiriert Schüler*innen mit ihrem leidenschaftlichen und kreativen Ansatz zur Erinnerung

Wenn man mit Sandra Butsch spricht, taucht das Wort „Menschen“ immer wieder auf. Die Freiburger Lehrerin hat zahllose Projekte initiiert, die Schüler*innen zusammenbringen und ihnen helfen, über Geschichte mit all ihren Schattenseiten zu lernen.

„Menschen. Wenn ich mit Menschen arbeite, wenn ich mir Einzelschicksale anschaue, wenn ich ins Gespräch gehe und Begegnung suche und finde, dann kommt halt auch immer etwas Menschliches“, sagt sie.

Und sie hat schon mit vielen Menschen und vielen Projekten zu tun gehabt. Als Lehrerin in zahlreichen Schulformen – darunter Grundschule, Sekundarstufen I und II sowie Berufs- und Sonderschule – versucht sie, für ihre vielen Schüler*innen Geschichte lebendig werden zu lassen, und zwar durch ihre Arbeit gegen Antisemitismus und Rassismus.

Immer mehrere Projekte gleichzeitig

Von Anfang an hat sich Butsch mit ihren Schüler*innen gemeinsam für Gedenk- und Erinnerungsprojekte und politischer Bildung engagiert. Viele beziehen grenzüberschreitende Themen mit Frankreich ein – die Grenze ist nur wenige Kilometer von Freiburg entfernt. 

Deshalb ist es nur logisch, viele Projekte mit Frankreich durchzuführen, sagt sie. Hinzu kommt, dass sie fließend Französisch spricht, und ihre Schüler*innen queren häufig die Grenze, besonders um in Straßburg einzukaufen, denn die Hauptstadt des Elsass ist nur etwa eine Stunde entfernt.

Frankreich hat für sie aber auch eine weitere Bedeutung, und zwar im Zusammenhang mit ihrem langjährigen Interesse daran, bessere Beziehungen im Nahen Osten zu fördern. „Für mich ist dieses Beispiel der deutsch-französischen Geschichte mein Strohhalm, meine Hoffnung“, sagt sie. Nach Jahrhunderten Krieg hat es irgendwann Klick gemacht. Das ist keine Garantie für die Ewigkeit, aber es hat Klick gemacht.“ An irgendeinem Zeitpunkt sahen beide Seiten die Möglichkeit zur Kooperation. Die Lage war der heutigen Situation im Nahen Osten nicht unähnlich, sagt sie. Es besteht also Hoffnung.

In meinem bisherigen Leben habe ich nur wenige Menschen getroffen, die so selbstlos und engagiert sind wie sie.
— Julian Würth, ehemaliger Schüler

Sandra Butsch ist von Natur aus insgesamt optimistisch. „Ich habe in meinem Leben so viel Gutes erfahren, dass ich nur optimistisch und hoffnungsvoll sein kann“, sagt sie. Sie ist in einem kleinen Dorf im Jungen Donautal geboren, in der Nähe der Donauquelle. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft arbeitete sie zunächst als Journalistin hinter den Kulissen beim deutschen Fernsehen.

Dann hat eine Freundin sie gebeten, sie zu einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle als Lehrerin zu begleiten, was sie dann auch tat. Am Ende hat die Person, die das Gespräch führte, Butsch davon überzeugt, Lehrerin zu werden. Eine Zeitlang arbeitete sie sowohl als Journalistin als auch als Lehrerin, bevor sie sich dafür entschied, in Vollzeit zu unterrichten. Derzeit unterrichtet sie Gemeinschaftskunde, Geschichte, Deutsch und Ethik am Walter Eucken Gymnasium und Kaufmännische Schulen in Freiburg. 

Die französischen Projekte

Für eins ihrer Projekte reiste sie mit Schüler*innen zum Internierungslager in Gurs, nördlich der Pyrenäen in Frankreich gelegen. Als eins der ersten und größten Internierungslager in Frankreich wurde es bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb genommen, und war ursprünglich für politisch Geflüchtete aus Spanien und ehemalige Kombattanten des Spanischen Bürgerkriegs errichtet worden.

Das Lager ist für Schüler*innen aus Freiburg besonders bedeutsam, weil fast die gesamte jüdische Bevölkerung aus Baden dorthin deportiert wurde. Diejenigen, die die harten Bedingungen im Lager überlebten, wurden ab 1942 nach Auschwitz deportiert.

Die Schüler*innen schufen eine Graphic Novel, Eine Reise nach Gurs. Sie gibt Augenzeug*innenberichte wieder undauch heutige Perspektiven der jungen Menschen, die ein neues Verständnis von Geschichte erlangten, weil sie an der Reise teilnahmen. Über QR-Codes sind Video- und Audiodateien zugänglich, die eine tiefergehende Recherche erlauben.

Ein weiteres aktuelles Projekt ist eine deutsch-französische Zusammenarbeit am Blauen Haus Breisach auf der deutschen Rheinseite. Frankreich liegt auf der anderen Seite der Brücke in nur 283 Metern Entfernung.

Das Blaue Haus dient als Gedenk- und Bildungsstätte für die Geschichte der Juden in der Region. Am Projekt von Butsch über die Jüdinnen und Juden, die dort lebten, sind 23 Schulen auf beiden Rheinseiten beteiligt.

Im bilingualen Projekt Brücke für die Zukunft erforschen mehr als 380 Schüler*innen Verfolgte aus der Region. Die Schüler*innen lernen, Recherchen und Interviews durchzuführen und mit biografischem Material zu arbeiten. Ihre Ergebnisse setzen sie in Graphic Novels um.

Butsch hat außerdem eine langjährige Beziehung zu Israel, die bis 1998 zurückreicht. Sie und ihre Kinder haben das Land mehrmals besucht. Zudem hat sie zahlreiche Austauschprogramme mit Schulen organisiert, sowohl in Israel als auch in der Westbank, auch mit der deutschen Schule Talitha Kumi in Beit Jala nahe Bethlehem.

Eine Schüler*innengruppe aus Israel sollte wenige Tage nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 Freiburg besuchen, musste die Reise jedoch absagen, da viele zum Militärdienst einberufen wurden.

Schüler*innen da abholen, wo sie sind

Zeichnen, Graphic Novels, Podcasts, Filme, Rappen – das sind die Medien, die junge Menschen ansprechen. Deswegen, sagt Butsch, ist es ihr als Lehrerin wichtig, Schüler*innen da abzuholen, wo sie stehen. Die unterschiedlichen Medien fördern außerdem Kreativität und das Erlernen neuer Fähigkeiten, etwa Audio- und Videobearbeitung sowie das Schreiben von Texten, die nicht gelesen, sondern gehört werden sollen.

„Als Lehrerin habe ich immer konkrete Probleme“, sagt sie,“und dann muss ich persönliche Zugänge [für die Schüler*innen] finden.“ Deshalb setzt sie so viele verschiedene Medien ein. Manche Schüler*innen springen besser auf Zeichnen an, andere auf Videos und wieder andere auf Musik.

Die Arbeit von Sandra Butsch trifft auf die Wertschätzung ihrer Berufskolleg*innen. Ihre Nominierung für einen Obermayer Award wurde von vier Preisträger*innen des Obermayer Awards unterstützt, alles Lehrer*innen: Norbert Giovannini, Angelika Rieber, Roswitha Weber und Margit Sachse. Sie schrieben:


„Als ehemalige und praktizierende Lehrkräfte ist für uns Sandra Butsch ein Vorbild und zugleich Hoffnungsträgerin. In allem, was sie macht, verbindet sie eine tiefe Menschlichkeit, die Nähe zu den Jugendlichen, mit fachlicher Kompetenz und bestechendem Ideenreichtum.


Weit über das normale Engagement einer Lehrkraft hinaus, schafft sie reale und intensive Begegnungen: mit den jüdischen Gemeinden vor Ort und in der Region, bei Stolpersteinaktionen, in Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Künstler*innen, in Kooperation mit Trägern und Einrichtungen der Gedenkarbeit sowie zunehmend im Kontext deutsch-französischer, badisch-elsässischer Gedenkarbeit.“

In einem Interview ergänzte Giovannini: „Die biografische Arbeit, die sie macht, ist hochwirksam.“ Butsch macht tadellose Recherchen und sorgt dafür, die Realität und Humanität der Menschen aufzuzeigen, sagt er. „Und das zu kombinieren mit einem ästhetischen Projekt wie der Graphic Novel oder auch den begleitenden Filmen, ich finde, das ist der Wert, der unglaubliche Wert der Kombination zwischen Recherche, Eingehen auf die Biografien und dann auch die künstlerische Darstellung.“

Die Reaktion der Schüler*innen

Schüler*innen zu helfen ist die Leidenschaft von Butsch: „Was ich meinen Jugendlichen mitgeben will: sei mutig, sei kreativ ... bewirke etwas.“

Viele ihrer Schüler*innen sagen, dass sie ihr Leben verändert hat.

„Sie gab uns Schülern den Raum, unsere noch jungen Persönlichkeiten zu entwickeln, uns eine eigene Meinung zu bilden und neue Perspektiven zu gewinnen“, sagt Joël Bauer, ein ehemaliger Schüler. „Mit ihrer Lebensfreude und Empathie, ihrem Engagement und politischen Aktivismus hat sie mir eine völlig unbekannte Welt gezeigt – eine Welt, in der Lehrer auch Freunde sein können und kritisches Denken gefördert statt unterdrückt wird.“

Für ihn war die Zeit an der Berufsschule, an der Butsch unterrichtete, „ein prägender Moment in meinem Leben“.

Max Regnath, der ebenfalls die Berufsschule besuchte, sagte, dass das deutsch-israelische Schüleraustauschprogramm, das Butsch initiierte und an dem er 2015 teilnahm, ihn dazu inspirierte, nach dem Abitur einen internationalen Freiwilligendienst in Israel zu leisten. 

Danach hat er Israel dreimal besucht und dort gute Freundschaften entwickelt, sagt er. „Sandra Butsch war und ist nicht nur eine leidenschaftliche Lehrerin, sondern auch eine Persönlichkeit, die soziale Verantwortung lebt und atmet“, schreibt Regnath und hebt ihren „Einsatz gegen Vorurteile und Intoleranz sowohl privat als auch beruflich“ hervor.

Er rechnet ihr hoch an, dass sie Menschen so akzeptiert, wie sie sind. „Sie ermöglichte es einem, sich nach den eigenen Vorstellungen zu entwickeln, ohne zu urteilen“, sagt er. Obwohl der Frontalunterricht in Deutschland noch überwiegt, sprach Butsch stattdessen mit ihren Schüler*innen als Gruppe, sagt er.

Die so entstandenen Verbindungen sind so stark, dass seine Klasse eine Alumnigruppe gebildet hat, die sich jedes Jahr zu Weihnachten trifft. Sie planen sogar eine Reise im kommenden Jahr anlässlich ihres 10-jährigen Schulabschlusses. Die Ziele stehen noch nicht fest, aber vielleicht geht es nach Lissabon oder Kreta – Orte, die sie während ihres letzten Schuljahres mit Butsch besuchten.

Ihr ehemalige Schüler Julian Würth empfindet es als Privileg, dass er an Projekten von Butsch teilnehmen konnte.

„In meinem bisherigen Leben habe ich nur wenige Menschen getroffen, die so selbstlos und engagiert sind wie sie“, sagt Würth. „Für sie war es nie ‚nur‘ ein Schulprojekt; es liefen immer mehrere Projekte gleichzeitig, und bis heute verstehe ich nicht, wie sie das alles geschafft hat.“

Heute studiert Würth Non-Profit Management an der Universität Freiburg. Er unterstreicht: „Selbst als ein Projekt keine Finanzierung erhielt, zögerte sie nicht, es aus eigener Tasche zu finanzieren.“ Ihre Schüler*innen konnten ihren „Blick auf die Welt schärfen“ und „Geschichte buchstäblich spüren“ – und gleichzeitig Freude an einem Projekt haben.

„Wenn ich sie mit einem Wort beschreiben sollte, würde ich sagen: beharrlich“, sagt er und fügt hinzu, dass sie ihre Ziele hartnäckig verfolgt. „Sie ist ein Glücksfall für alle, die das Privileg haben, mit ihr zusammenzuarbeiten“, fasst er zusammen.

— Obermayer Award 2026