In die Geschichte hineingeboren

Rainer Klemke, eine treibende Kraft hinter vielen bedeutenden Gedenkstätten in Berlin, schreibt ein neues Kapitel

Rainer Klemke war dazu prädestiniert, Geschichtsenthusiast zu werden.

1948 während der Berliner Luftbrücke geboren, spielte er als Kind in den im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kellern und den Trümmerresten, die noch auf den Straßen lagen.

„Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich in die Geschichte hineingeboren wurde“, sagt Klemke. Allerdings hatten nicht nur die ersten Jahre seines Lebens mit Geschichte zu tun. Er hat sein ganzes Leben der Aufgabe gewidmet, auf Geschichten aus der Vergangenheit, insbesondere auf den Holocaust, ans Licht kommen zu lassen und eine Plattform für Stimmen zu schaffen, die allzu lange ungehört gewesen sind. Mit einem seiner neuesten Projekte hilft er nun allen – von jungen Leuten, die in Berlin aufwachsen bis hin zu Menschen im Ausland – die komplexe Geschichte der deutschen Hauptstadt zu verstehen. 

Geschichte zugänglich machen

Die berlinHistory-App ist eine offene digitale Plattform, auf der Institutionen und Einzelpersonen viel über die Vergangenheit der Stadt erfahren können. Das Redaktionsteam prüft und verifiziert historische Dokumente, darunter Texte, Fotos, Audiodateien, Videos und historische Stadtpläne, sodass die Öffentlichkeit kostenlos auf sie zugreifen kann. 

Auf der App kann man alte Fotos von Gebäuden sehen und sie mit dem Standort heute vergleichen, und man kann sich über die unterschiedlichsten Themen informieren: von Berlins queerer Geschichte über die Flucht von Menschen unter der Berliner Mauer hindurch bis hin zu jüdischen Themen und vieles mehr. 

„Alles in allem füllt die BerlinHistory App eine Lücke beim Umgang mit der deutschen Vergangenheit und speziell des jüdischen Lebens, und sensibilisiert auf eine Weise für die Notwendigkeit der Beschäftigung damit, wie es eine streng fachwissenschaftlich fokussierte Herangehensweise, die sich primär an Fachhistoriker wendet, nicht könnte“, sagt Professor Hans-Dietrich Schulz, der bis zu seinem Ruhestand an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrte.

Ein Leben im Dienste der Bewahrung der Vergangenheit

Klemkes Arbeit begann lange bevor Smartphones erfunden wurden, und er hat mit einigen der größten Museen und Gedenkstätten Deutschlands zusammengearbeitet.

Professor Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, schreibt: „Als Visionär und Projektmanager, geborener Kommunikator und Vernetzer ist Rainer Klemke eine Ausnahmeerscheinung und ein Glücksfall für die erinnerungskulturelle Landschaft, die er zugleich seit mehreren Jahrzehnten maßgeblich mitprägt.

Ohne sein rastloses Engagement, sein Gespür für Möglichkeitsfenster, seinen Mut, neue Formate zu entwickeln und seine Lust zu gestalten würde es der landes- und bundesweiten Gedenklandschaft zur Aufarbeitung und Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer deutschen Diktaturen heute wesentlich an Tiefe, Schärfe und Vielfalt fehlen.“

Er gab allen zur jüdischen Geschichte und Verfolgung jüdischer Berliner arbeitenden Initiativen und Einrichtungen erstmals eine große Bühne, ihre Arbeit vorzustellen.
— Hermann Simon, Neue Synagoge Berlin–Centrum Judaicum

Ein kurzer Blick in Klemkes langen Lebenslauf zeigt einen Ausschnitt seiner Lebensleistung. Er unterstützte den Bau des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors, das die Geschichte der SS und des Dritten Reichs darstellt. In Berlin ist es das am häufigsten besuchte Museum, in ganz Deutschland das dritthäufigste. Die East Side Gallery, wo Millionen Besucher*innen jedes Jahr am längsten verbleibenden Abschnitt der Berliner Mauer entlanggehen, ist ebenfalls in seinem Lebenslauf aufgeführt. Ein weiteres Projekt Klemkes ist das vielfach ausgezeichnete Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Während seiner gesamten Karriere hat Klemke an fast 50 Museen und Gedenkstätten mitgewirkt, von der Konzeptualisierung bis hin zu Neugestaltungen, und er hat von 1994 bis 2012 das Referat für Archive, Museen, Gedenkstätten und Zeitgeschichte der Berliner Senatsverwaltung für Kultur geleitet.

„Es war ein Geschenk, dass ich diese Arbeit machen durfte“, sagt Klemke.

Menschen zusammenbringen

Als Abschiedsprojekt von seinem Posten beim Berliner Senat organisierte er 2013 die Veranstaltungen zum Jahrestag der Machtergreifung durch die Nazis und des Novemberpogroms. Üblicherweise würde ein Kurator durch die Nacht führen und sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen. „Ich habe einen ganz anderen Ansatz gewählt“, erläutert Klemke. Er hat im Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung über das Thema „Zerstörte Vielfalt“ veranstaltet, in der viele Stimmen ihre Geschichten erzählten und verschiedene Initiativen ihr Werk präsentierten. 

„Ich wollte denen eine Bühne bieten“, sagt Klemke. Für ihn geht es bei der Geschichte nicht um eine einzige Perspektive oder ein einziges Narrativ, sondern darum, von einem breiten Spektrum an Menschen und vielfältigen Erfahrungen zu hören. 

„Damit gab er allen zur jüdischen Geschichte und Verfolgung jüdischer Berliner arbeitenden Initiativen und Einrichtungen erstmals eine große Bühne, ihre Arbeit vorzustellen“, stellt Hermann Simon, Gründungsdirektor der Neuen Synagoge Berlin–Centrum Judaicum, mit Bezug auf „Zerstörte Vielfalt“ heraus.

Klemke ging zwar offiziell in den Ruhestand, aber er hörte nicht auf, ein Schlaglicht auf die Geschichte der Stadt und auf jüdische Geschichten zu werfen.

„Das Engagement von Rainer E. Klemke für die Bewahrung der jüdischen Geschichte und Kultur und in der Sicherung des Gedenkens an die Verbrechen an Jüdinnen und Juden ist seit Jahrzehnten sowohl kreativ als auch uneigennützig“, sagt Dr. Doris Lemmermeier, ehemalige Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg.

 „Nach dem Ende seiner beruflichen Tätigkeit hat er nicht etwa nachgelassen in diesem Engagement, sondern es im Gegenteil mit der Initiation und dem beständigen Vorwärtsentwickeln der berlinHistory App noch weiter intensiviert.“

Klemkes Abschiedsprojekt beim Berliner Senat war der Anfang seines nächsten Vorhabens. „Das war ein Vorläufer der berlinHistory-App“, sagt er. Das Gedenken an den Novemberpogrom in jenem Jahr brachte viele Stimmen und Perspektiven zusammen – genau das Ziel seiner App. Er sieht sich nicht als Führungspersönlichkeit, sondern als Mensch, der andere Menschen zusammenbringt.

„Besonders beeindruckt bin ich von der sagenhaften Vernetzung von Rainer E. Klemke“, kommentiert Wieland Giebel, Kurator des Berlin Story Bunker, eines Museums in einem ehemaligen Luftschutzbunker, in dem die Geschichte der NS-Zeit und des Holocaust erzählt wird. „Er bringt Akteure zusammen, immer um der Sache willen. Kontinuierlich. Seit Jahrzehnten. Ungebrochen. Und ohne Scheu – ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll – klassenlos.“

Die Anfänge der berlinHistory-App

Klemke war 2019 Mitgründer der berlinHistory-App und hat bis heute mehr als 50 Partnerschaften geschmiedet. Seit dem Launch der App hat Klemke dazu beigetragen, mehr als 360.000 Nutzer*innen zu erreichen. Damit ist sie die am meisten benutzte Geschichtsapp Deutschlands. Sie ist sogar beliebter als visitBerlin, die offizielle Reise-App der Stadt, und hat Frankfurt, Bayern und Potsdam geholfen, ähnliche Apps, die in ihre Geschichte eintauchen, aufzulegen.

„Keine andere App informiert so breit und vielfältig in Deutschland über jüdisches Leben, über Verfolgung, Vertreibung, Deportation und Widerstand in der NS-Zeit wie die berlinHistory-App“, sagt Dr. Angelika Königseder vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin.

Als er die Idee aber zuerst ausarbeitete, waren Erfolg und Wirkung der App alles andere als garantiert. 

Klemke erinnert sich, dass man ihm sagte: „Ihr seid ja verrückt; das geht gar nicht für so eine Stadt so eine Geschichtsapp zu machen, das ist ja endlos!“ Allerdings hält er „endlos“ nicht für schlecht. Die Tatsache, dass Berlins Vergangenheit so umfangreich ist – gerade darum geht es. 

Andere sagten ihm, dass das App-Projekt wegen der komplizierten Aufgabe, die Rechte zur Reproduktion von Bildern in der App zu akquirieren, nicht funktionieren würde. Die App hat jetzt etwa 26.000 Bilder, aber Gebühren für die Rechte wurden nur für fünf verlangt. Mit einem kollektiven Arbeitsansatz wird der Inhalt der App kontinuierlich ausgebaut. „Unsere App ist eine lebendige App“, sagt Klemke. Sie expandiert weiter, wobei Einzelne und Organisationen regelmäßig dazu beitragen. Seine Beziehungen halfen, Nutzungsgebühren für Fotos zu vermeiden. Ein weiterer Faktor war, die bekanntesten Fotos nicht zu nutzen.

„In der berlinHistory-App sind inzwischen so viel Text, Bilder und Videos, wenn man die in Bücher à 300 Seiten drucken würde, dann wären es neun laufende Meter Bücherregal, und es wächst jeden Tag“, sagt Klemke. Die Reichweite der App ist jedoch nicht auf Werbung zurückzuführen, sondern, wie er sagt, auf Mundpropaganda.

Beispielsweise verweist Giebel, der jede Woche Gruppen durch den Berlin Story Bunker führt, auf die App, um Antworten auf verbleibende Fragen zu bekommen. „Es gibt nichts auch nur annähernd Vergleichbares“, sagt Giebel. „Besonders gut ist die Tiefe und Breite der App, sodass eigentlich keine Frage offen bleibt. Ich habe die App auf dem Handy und zeige sie den Besuchern.“

Das gewaltige Archiv der App  

Nicht nur Menschen, die sich beruflich mit Geschichte beschäftigten, halten die App für wertvoll. Es handelt sich wirklich um ein Tool für alle. Sie behandelt alles von der Zeite vor 1871 und von Preußen bis zur NS-Zeit, dem Kalten Krieg und dem heutigen Berlin, und sie hat sogar einen Bereich zu den Zukunftsplänen der Stadt. Eine kleine Auswahl der vielen jüdischen Themen: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, wichtige Biografien, Video-Interviews zum jüdischen Leben in Berlin, Deutsch-jüdische Spuren im Grunewald sowie kurze Dokumentarfilme von Denk Mal am Ort, dem Projekt von Marie Rolshoven, im Rahmen dessensie in Wohnungen in ganz Berlin das historische jüdische Leben dokumentiert und für das sie einen Obermayer Award erhielt. 

In den Worten von Lemmermeier: „Die berlinHistory App ist unglaublich beeindruckend, einfallsreich, vielfältig und fast schon überwältigend.“

Ein Teil der Attraktivität und des Erfolgs der App ist, dass Menschen sich zunächst nur wegen einer bestimmten Frage für sie interessieren und dann so viel mehr erfahren.

„Die Qualität der App liegt darin, dass es nicht nur um ein einziges Thema geht“, erklärt Klemke. „Es gibt ja viele Apps, die haben ein Thema – man guckt da einmal rein, Sache erledigt, dann löscht man sie wieder. Wir haben alle Themen, die mit Geschichte zu tun haben. Jemand kommt wegen der geschlossenen Clubs zur App, entdeckt die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, oder kommt wegen der Sportgeschichte und findet die Geschichte der Berliner Pfeifenorgeln, oder wegen Harald Hauswalds Fotos aus der Wendezeit und findet Technikgeschichte. Es gibt immer was Neues.“ 

Eins der neuesten Projekte der berlinHistory-App, Musikalische Stolpersteine, wird zusammen mit dem Landesmusikrat in Berlin erarbeitet. Darin erforschen und erzählen junge Schüler*innen die Geschichten ermordeter jüdischer Musiker*innen in Podcasts mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), in denen die Musik der Komponist*in gefeaturt wird. 

Klemke arbeitet zudem mit Partnerorganisationen an einer weiteren App, die helfen soll, Schüler*innen zum Thema NS-Zeit zu bilden. „Es ist das größte digitale Projekt zum NS-Unrecht, das jemals in Deutschland stattgefunden hat“, sagt er. Ziel des Projekts ist es, jede Akte der NS-Prozesse im Ost- und Westteil Deutschlands zu dokumentieren, sodass man auf der Suche nach Informationen nicht mehr stundenlang durch das Land reisen muss. Man kann einfach in der App nachschauen, alles ist sofort greifbar. Das Team hat bereits mehr als 420.000 Dokumente gesammelt – manche kurz, andere 250 Seiten lang – und alle sind per Smartphone zugänglich.

Es geht darum, Menschen, besonders Schüler*innen, zu ermöglichen, sich auf den wichtigsten Punkt ihrer Projekte zu konzentrieren anstatt Zeit dafür aufbringen zu müssen, sich einen Weg über bürokratische Hürden und zu verstreuten Quellen zu bahnen.

„Es ist mir immer wichtig gewesen, die Arbeitsgrundlage zu schaffen, Materialien zur Verfügung zu stellen, damit die Leute selber arbeiten können“, sagt Klemke, der großen Wert darauf legt, Hindernisse zur Bildung abzubauen. „Das ist sozusagen, was mich über die Jahre immer motiviert hat.“