Die Verwandlung eines ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers
Der Lern- und Gedenkort Hotel Silber fördert Demokratie und Erinnerung durch politisch-historische Bildungsarbeit
Elke Banabak, Geschäftsführerin; Janka Kluge, Gründungsmitglied; and Brigitte Lösch, 1. Vorsitzende, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V.
Toby Axelrod
1944, mit 12 Jahren, schrieb Heinz Hummler einen Brief, in dem er um das Leben seines Vaters flehte.
Die Gestapo hatte Anton Hummler 1943 als Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe verhaftet, weil sie trotz des Verbots ausländische Radiosendungen gehört hatte und plante, den deutsch-jüdischen Zahnarzt Walter Glaser illegal in die Schweiz in Sicherheit zu bringen.
Anton Hummler wurde im Gestapo-Hauptquartier im ehemaligen Hotel Silber festgehalten, einem imposanten, reich verzierten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert in der Dorotheenstraße 10 in Stuttgart.
„Von dieser Zeit an haben sich mein Leben und meine Weltanschauung, sofern ein kleiner Bub eine hat, total verändert“, sagt Heinz Hummler, 93.
Sein Brief zeigte keine Wirkung. Sein Vater wurde am 25. September 1944 in Berlin hingerichtet. Während der Nazizeit war das Gebäude die erste Station auf einer Reise durch Gefängnisse und Konzentrationslager, die in der Regel mit dem Tod endete. Heute ist das Gebäude erhalten geblieben und beherbergt die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber.
Seit 2018 beherbergt das ehemalige Luxushotel von Heinrich Silber, das 1928 zu einer Polizeistation wurde und von 1933 bis 1945 als Gestapo-Hauptquartier für das damalige Land Württemberg und Hohenzollern diente, eine multimediale Ausstellung über diese Geschichte. Die Ausstellung zeichnet die Entwicklung der Polizei von der Demokratie zur Diktatur nach und betont die Notwendigkeit, demokratische Normen zu schützen und Vielfalt in der Gesellschaft zu fördern.
„Die Nazis haben ihre Diktatur nicht mit militärischen Mitteln, sondern mit Hilfe der Polizei errichtet“, sagt Elke Banabak, Geschäftsführerin der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber.
Das Hotel Silber ist ein gemeinnütziger Verein und arbeitet in Kooperation mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg, einem Stuttgarter Geschichtsmuseum. Das Hotel Silber bietet Fortbildungen für Lehrkräfte und Polizeibeamte an und hat ein Projekt für bildende und darstellende Kunst ins Leben gerufen, das von den Biografien der lokalen Stolperstein-Gedenkstätten inspiriert ist. Es hat drei Mitarbeiter*innen, wobei die meisten Projekte von Freiwilligen durchgeführt werden.
In der Ausstellung findet man Auszüge aus Tagebüchern und Briefen sowie Audio-Interviews mit Augenzeug*innen, sowohl mit Täter*innen als auch mit Überlebenden. Gastvorträge, Filmvorführungen, Besuche von Schulklassen und weitere Veranstaltungen ergänzen das Angebot.
Polizeiausbildung
Die Auszubildenden bei der Polizei in Stuttgart müssen den Lern- und Gedenkort besuchen. Dort erfahren sie, wie die Nazis die Polizei zu einem Werkzeug der Unterdrückung machten. Sie fragen: „Wie gingen die damaligen Verantwortlichen in der Polizei damit um?“ sagt Thomas Ulmer, 63, ein kürzlich pensionierter Polizeibeamter aus Stuttgart, der zahlreiche Gruppen durch die Ausstellung geführt hat.
Auszubildende bei der Polizei setzen sich damit auseinander, welche Schlüsse sie aus der Vergangenheit ziehen können, z.B. wann es gerechtfertigt ist, einen Befehl zu verweigern, sagt Ulmer, der zusammen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen dafür kämpfte, dass das Hotel Silber bewahrt wurde. Er ist in einem Verband tätig, der die Interessen von LGBTG+-Beschäftigten in Polizei, Justiz und Zoll vertritt.
Die Gestapo handelte „ohne Haftbefehl, sondern die Menschen wurden einfach aus ihren Wohnungen geholt und, wenn wir jetzt über die jüdische Bevölkerung sprechen, dann ganz einfach deportiert“, sagt er. „Das sind klassische Fragen, die die jungen Menschen stellen: Wer hat das angeordnet, wie kam es überhaupt dazu?“
Solche Diskussionen sind angesichts von Skandalen aus den letzten Jahren besonders wichtig, sagt er. „Wir hatten in der Polizei diese Chatgruppen über WhatsApp, wo rechtsradikales, rechtsextremes Material von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, aber auch von Auszubildenden geteilt wurde. Nachdem das aufgedeckt wurde, haben sich alle Polizeien in Deutschland, auch die Bundespolizei, Gedanken gemacht: Was müssen wir unseren Auszubildenden, aber auch denjenigen, die schon lange aus der Ausbildung raus sind, an Demokratieverständnis mitgeben?“ sagt Ulmer.
“Was müssen wir unseren Auszubildenden bei der Polizei, aber auch denjenigen, die schon lange aus der Ausbildung raus sind, an Demokratieverständnis mitgeben?”
In Stuttgart konnte der Lern- und Gedenkort Hotel Silber Antworten geben.
Ein Projekt des Hotels Silber mit Schüler*innen der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule in Stuttgart hat Wellen geschlagen. Eine neue Ausstellung, „Gestapo vor Gericht“, zeigt auch Perspektiven von deutschen und ukrainischen Teenagern zu Kriegsverbrechen und Verantwortung. Als Teil ihrer Recherchen führten die Schüler*innen im Jahr 2023 Interviews, unter anderem mit einem Ankläger des Auschwitz-Prozesses, der in den 1960er Jahren in Frankfurt stattfand. Eine der Fragen, die sie beschäftigten, war, ob Russ*innen eines Tages wegen Kriegsverbrechen gegen Ukrainer*innen strafrechtlich verfolgt werden würden.
Das Hotel Silber retten
„Das Hotel Silber hat mir gezeigt, wie fluid die Grenze zwischen einem demokratischen und einem diktatorischen System zu Beginn des Prozesses ist“, sagt Zoltan Igaz, Vorsitzender des Bundesverbands Information & Beratung für NS-Verfolgte. „Es ist auch ein Ort der Schreibtischtäter“ – Beamte, die mit einer flüchtigen Unterschrift Entscheidungen über Leben und Tod fällten.
Augenzeug*innen wie Hummler treffen im Hotel Silber häufig mit jungen Gästen zusammen und halten dabei den Vorhang zur Geschichte offen.
Er sagt: „Was ich bis heute beanstande, ist, dass es mit dem Vergessen machen schon wenige Monate nach Ende des Krieges bei uns wieder begonnen hat.“
Tatsächlich wurde die Vergangenheit des Hotels Silber buchstäblich fast begraben. Nach dem Krieg waren verschiedene Behörden jahrzehntelang dort untergebracht. Dann schlug die Stadt Stuttgart 2008 vor, es abzureißen, um Platz für ein Einkaufszentrum zu schaffen.
„Es gab viele Organisationen und Einzelpersonen, die sich dafür eingesetzt haben“, das Hotel Silber zu erhalten, sagt Brigitte Lösch, die von 2001 bis 2021 Landtagsabgeordnete war. Heute ist sie 1. Vorsitzende des Lern- und Gedenkorts Hotel Silber und arbeitet außerdem als Moderatorin und Mediatorin. „Authentische Gebäude sind sehr wichtig für das Lernen über die Geschichte“, sagt Lösch. 1962 geboren, ist sie im etwa 60 Kilometer von Stuttgart entfernten Geislingen aufgewachsen, wo sie sich dafür einsetzte, die Stätten ehemaliger Zwangsarbeiter*innenlager zu erhalten. Für diese neuen Auseinandersetzung brachte sie also bereits Erfahrung mit.
„Da gab es viele Gegner“, erinnert sie sich. „Die einen, die gesagt haben, da muss jetzt ein Einkaufszentrum hin wegen Geld, die anderen, die gesagt haben, Erinnerungskultur kann man überall machen, da reicht eben diese Plakette, da braucht ihr nicht das Haus, das ist doch nicht so wichtig.“
Sie und andere baten Menschen mit einer Verbindung zur Geschichte um Unterstützung, darunter Hummler und seine verstorbene Frau Heidi, Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten.
Sie waren „mit uns vor dem Gebäude und protestierten gegen den Abriss“, sagt Banabak.
Die studierte Architektin interessiert sich „für die Dinge, die die Erinnerung mit Orten macht, wie die Erinnerung mit Orten verknüpft wird.“ In den frühen 2000er Jahren traf sie mit Überlebenden eines Außenlagers des Konzentrationslagers Natzweiler zusammen und interviewte sie. Von da an spürte sie eine persönliche Verbindung zu dieser Geschichte.
Eine andere Stuttgarterin, Charlotte Isler, geborene Nussbaum, schloss sich bald der Kampagne an, das Hotel Silber zu erhalten. Heute lebt sie mit 101 in der Nähe von New York City.
„Ich schrieb den wohl frechsten Brief, den ich jemals irgendjemandem geschrieben habe“ und schickte ihn an den Bürgermeister von Stuttgart und andere Beamte der Stadt und des Landes Baden-Württemberg. Sie „erklärte diesen Menschen, dass sie es der Geschichte und den jüdischen Menschen, die dort gelebt hatten, schuldig waren, [das Hotel Silber] zu bewahren.“
Isler erinnert sich lebhaft an das Leben unter der NS-Verfolgung. Unmittelbar nach dem antijüdischen Pogrom im November 1938 wurde ihr Vater verhaftet, wie auch Zehntausende jüdischer Männer in ganz Deutschland. Isler und ihr jüngerer Bruder wurden wie praktisch alle jüdischen Kinder aus der Schule geworfen und wurden gezwungen, ihre Ranzen zu packen, während ihre Klassenkamerad*innen zuschauten.
„Von da an wurde alles nur noch schlimmer und schlimmer. Wir durften dies nicht, wir durften das nicht, und so weiter und so fort. Natürlich erinnere ich mich an jede Minute“, sagt Isler, deren Familie es gelungen ist, im Frühjahr 1939 in die USA zu fliehen.
„Zu meiner enormen Überraschung gewannen wir“ den Kampf um das Hotel Silber, sagt sie. „Dann begann die Initiative mit der Arbeit“, das Gebäude in einen Erinnerungsort zu verwandeln. Isler nahm mit ihrem Sohn Donald an der Einweihung teil. „Und wie Sie wissen, ist es eine wirklich bemerkenswerte Institution geworden.“
„Rufe aus dem Keller“
Nun, da der Kampf gewonnen war, betrat Banabak endlich das ehemalige Hotel. „Als ich zum ersten Mal diesen Flur entlangblickte, der jetzt Teil der Ausstellung ist, ist es mir ein bisschen kalt den Rücken heruntergelaufen. Es ist aber nur ein Flur.“
Auf jeder Seite gibt es Türen. Hinter den Türen befinden sich Büros. „All die schlimmen Sachen, all die Gräueltaten, die von diesem Gebäude ausgingen, wurden in diesen Büros ausgedacht. Die Verhöre wurden auch in den Büros durchgeführt“, sagt Banabak. Augenzeug*innen erinnern sich an Rufe der Gefangenen aus dem Keller.
Die letzte Person, die dort ermordet wurde, war eine jüdische Frau, Else Josenhans, geborene Meyer, und zwar am 11. April 1945 – etwa ein Monat vor der Kapitulation Deutschlands. Sie wurde im Januar 1945 verhaftet, als sie vergeblich versuchte, aus Deutschland zu fliehen.
Die Geschichte von Hummlers Vater wird durch den eingerahmten Brief, in dem sein Sohn um Gnade flehte, lebendig. „Ich stelle mir vor, wie der Junge diesen Brief am Küchentisch schreibt“, sagt Banabak. „Er schrieb tatsächlich an den Chef der Hitlerjugend, weil er dachte, der könnte seinem Vater helfen. Der Brief ist in seiner jungenhaften Schrift sehr ordentlich geschrieben, und er schließt mit ‚Heil Hitler‘.“
Eine Kopie von Anton Hummlers letztem Brief an seine Familie ist ebenfalls ausgestellt.
Heute befindet sich das Büro von Banabak im Hotel. „Und wenn ich abends lange bleibe und sonst niemand mehr im Gebäude ist, nun, dann kann es ein bisschen unheimlich sein“, sagt sie.
„Es ist sehr schwierig, sich alles vorzustellen“, sagt Hummler, der sich beschreibt als „eine durch und durch rationale Person – die immer versucht, nach den dahinterliegenden Argumenten zu suchen.“
Wenn er Schüler*innen seinen eingerahmten Brief zeigt, erklärt er ihnen, warum er den Brief gerade mit diese Worten geschlossen hat. In Nachkriegsdeutschland sind die Worte und alle Insignien der Nazis verboten. Aber während der NS-Zeit hätte es tödlich enden können, keine solche Gefolgschaft zu zeigen.
„Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass das Umbringen meines Vaters und vieler, vieler anderer Widerstandskämpfer und vieler Menschen in organisierter, menschenverachtender Form, dass das ein Verbrechen war“, erklärt er den jungen Besucher*innen. „Aber ich hätte dreimal ‚Heil Hitler‘ drunter geschrieben, wenn ich damit das Leben meines Vaters hätte retten können.“
— Obermayer Award 2026