„Die Menschen haben Spuren hinterlassen.“
Ellen Grünwald sucht nach Spuren einer jüdischen Gemeinde und blickt in die Zukunft
Julia Bosson
Es war ein Zufall, der Ellen Grünwald dazu brachte, zur jüdischen Geschichte von Eberswalde zu recherchieren. Vielleicht war es sogar Schicksal. Als es 2003 eines Tages an der Tür klingelte, war Grünwald dabei, zum ersten Geburtstag ihres Sohns einen Kuchen zu backen. Sie war Erzieherin in Elternzeit, sonst wäre sie vielleicht nicht zu Hause gewesen, um zu öffnen.
Dort stand eine ältere Frau, eine elegante Erscheinung, die fehlerlos Deutsch sprach, aber mit einem kaum merklich fremd klingenden Akzent. Sie stellte sich als Lilli Kirsh vor und erklärte, dass ihre Familie in den 1930er Jahren in dieser Wohnung gewohnt hatte. Grünwald war neugierig und bat sie in die Wohnung. Im Gespräch wurde dann klar, dass Kirsh sich in der Adresse geirrt hatte, denn das Gebäude, in dem sie aufgewachsen war, war im Krieg zerstört worden. Sie hatte irrtümlich bei Grünwald geklingelt.
Als Kirsh dann ging, folgte Grünwald einem Impuls. Nur mit Socken an den Füßen lief sie Kirsh hinterher und fragte sie nach ihren Kontaktdaten. Dieser Tag sollte ihr Leben ändern – das von Grünwald und das von Kirsh.
Eberswalde, etwa 48 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegen, war einst eine bedeutende Industriestadt, aber nach dem Ende der DDR war die Bevölkerungszahl auf 40.000 zurückgegangen. Wie auch weite Teile des Landes Brandenburg kämpft die Stadt gegen den Rechtsextremismus. Bei der letzten Bundestagswahl entfiel jede dritte Stimme auf die Rechtsaußenpartei AfD.
Doch in den Jahren bevor die Nazis an die Macht kamen, gab es in Eberswalde eine florierende jüdische Gemeinde. Heute können Bewohner*innen und Besucher*innen die Spuren dieser Vergangenheit an 69 Stolpersteinen erkennen; am Text an den Wänden einer Bäckerei, der die jüdische Familie ehrt, die dort früher ein Geschäft hatte; und auf dem neu restaurierten Friedhof, wo die Grabsteine bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen.
“Ich habe gemerkt, man ist schnell draußen, wenn man sich nicht einfach anpasst. Das hat mich beeinflusst, über Ungerechtigkeiten nachzudenken und darüber, warum Menschen diskriminiert werden.”
Dies ist zum großen Teil das Verdienst von Ellen Grünwald und ihrem unermüdlichen Engagement. Sie hat die Initiative Al-Tishkach – Jüdische Spuren in Eberswalde gegründet und arbeitet seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich, um jüdische Geschichte an den Tag zu bringen. Dabei hat sie die Menschen vor Ort aktiviert, um eine lebendige Erinnerungskultur aufzubauen und Bewohner*innen und Schulkinder mit Überlebenden und deren Nachkommen in Kontakt zu bringen.
Grünwalds Begegnung mit Lilli Kirsh markierte den Anfang. Was darauf folgte wuchs weit über die beiden hinaus.
„Bleibenden Einfluss“
Als Kind in der DDR lernte Grünwald, gegen die Strömung zu schwimmen und sich dabei wohl zu fühlen. Ihre Eltern erzogen sie mit religiösen und pazifistischen Werten und pflegten starke Verbindungen mit dem Westen – ihr Vater hatte in der Bundesrepublik Medizin studiert. Das barg Risiken, wie die Stasiakte ihres Vaters belegt. „Wir haben ein Parallelleben geführt“, erinnert sich Grünwald. „Was zu Hause ablief, das hat man nicht auf der Straße erzählt. Das hat mich beeinflusst, über Ungerechtigkeiten nachzudenken und darüber, warum Menschen diskriminiert werden. Ich habe gemerkt, man ist schnell draußen, wenn man sich nicht einfach anpasst.“
In der DDR war der Holocaust im Lehrplan der Schulen wenig präsent. Die Opfer wurden verallgemeinernd als Antifaschist*innen dargestellt, die Täter*innen als Faschist*innen im Westen. In ihrer eigenen Familie war es Grünwald bewusst, dass ihr Großvater in der SS gewesen war, aber darüber wurde selten gesprochen, besonders nicht, als er noch am Leben war.
Ihr Interesse an der Geschichte der jüdischen Gemeinde wurde geweckt, als sie das Tagebuch der Anne Frank entdeckte. An einem Tag, an dem sie nicht zur Schule ging, holte sie es aus der Bibliothek. „Das Buch hatte auf mich einen bleibenden Einfluss“, sagt sie. „Anne Frank war so alt wie ich. Ich habe dann angefangen, Tagebuch zu schreiben.“
Auf ihrer ersten Reise nach dem Mauerfall fuhr Grünwald erst nach Amsterdam, um das Haus zu sehen, in dem Anne Frank gewohnt hatte, und danach mit ihrem Vater nach Bergen-Belsen, wo Anne Frank und ihre Familie ermordet wurden. Dies war die erste von vielen emotionalen Verbindungen, die Grünwald zu ihrer Arbeit motivierten. Sie prägte den empathischen Ansatz, der ihre späteren Bemühungen definieren sollte.
„Geschichtensammlerin“
1988 zog Ellen Grünwald nach Eberswalde, um eine Stelle als Erzieherin anzutreten. Bereits damals machte sie sich Gedanken über die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Region. Als sie ihre neuen Nachbar*innen darauf ansprach, hörte sie zumeist Gerüchte oder Mythen mit unterschwelligem Antisemitismus. Erst nachdem sie einen Historiker kennengelernt hatte, der eine kleine Ausstellung mit seinen eigenen Recherchen veranstaltet hatte, wurde ihr klar, dass es noch mehr zu erfahren gebe.
Damit hätte die Angelegenheit vielleicht enden können, wenn Lilli Kirsh 2003 nicht irrtümlich bei Grünwald geklingelt hätte.
Nachdem sie ihre Kontaktdaten ausgetauscht hatten, kommunizierten Grünwald und Kirsh praktisch jede Woche per Mail, bis Kirsh 2010 starb. Kirsh teilte ihre Geschichten, erzählte, wie ihre Familie von Eberswalde nach Australien floh, wie ihre Eltern kurz nach der Ankunft dort starben und sie mit 18 zur Waise wurde.
Grünwald ging in die Archive am Ort, um die Familiendokumente der Kirshs zu finden, darunter Briefpapier mit dem Briefkopf der Firma ihres Vaters. „Es war für Lilli Kirsh sehr wichtig zu sehen, wie viele sichtbare Spuren es in der Stadt noch gibt“, sagt Grünwald. „Die Menschen waren ja nicht ausgelöscht, die haben Spuren hinterlassen.“
Im Laufe ihrer Freundschaft stellte Kirsh den Kontakt zwischen Grünwald und anderen Überlebenden und Nachkommen her. Grünwald wurde klar, dass sie alle sehr gern mehr über ihre Familiengeschichten erfahren wollten. Deshalb wandte sie sich an Archive vor Ort, um ihnen zu helfen, die von ihren Familien zurückgelassene Gemeinde zu verstehen, verschollene Verwandte aufzufinden und alte Artefakte wiederzuerlangen.
„Ich hatte nie den Anspruch, als Historikerin zu arbeiten“, sagt Grünwald, „sondern eigentlich eher immer aus dem Interesse eines Menschen heraus.“ Ihr ist der Begriff „Geschichtensammlerin“ lieber. Dieses Interesse hat ihr geholfen, mit den Überlebenden und den Familienangehörigen von Opfern in Beziehung zu treten, und es prägt ihren Zugang zu ihren Recherchen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die solche Schicksalsschläge hatten – und ich rede nicht nur von Flucht, sondern die Hälfte ihrer Familienmitglieder im Konzentrationslager verloren hatten – dann war es denen sehr wichtig zu wissen, was wir mit diesen Informationen machen“, sagt sie.
Wenn Grünwald jetzt Führungen leitet, versucht sie Einzelheiten einfließen zu lassen, die zwar winzig erscheinen mögen, aber einen menschlichen Zugang zur Geschichte ermöglichen. „Ich sammle ganz kleine, unscheinbare Dinge, aber die sollen sozusagen das Leben dieser Person illustrieren“, sagt sie. Wenn sie beispielsweise erzählt, dass jemand gerne Süßes aß, dann kontert das antisemitischen Vorstellungen, dass Jüdinnen und Juden außergewöhnliche Wesen seien.
Besonders wenn sie mit Menschen arbeitet, die in Eberswalde aufgewachsen sind und die vielleicht noch nie eine Jüdin oder einen Juden kennengelernt haben, betont sie die Unmittelbarkeit der Geschichten. Es macht die Geschichte lebendig, wenn sie Schüler*innen zeigt, dass jüdische Familien in ihren Wohnungen wohnten, dieselben Straßen entlanggingen und dieselbe Schule besuchten wie sie.
Ein bleibender Eindruck
Im Laufe der Jahre, als sie mehr Überlebenden und Nachkommen begegnet war, stellte Grünwald fest, dass sie einen erheblichen Materialschatz zusammengetragen hatte. 2008 machte sie daraus ein Gedenkbuch. Das Eberswalder Gedenkbuch für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus enthält Biografien von mehr als 400 Jüdinnen und Juden, die in Eberswalde lebten, eine der ersten solchen Initiativen in Brandenburg.
In Partnerschaft mit Ehrenamtlichen und Lokalhistoriker*innen sammelte Grünwald mit ihrem Team alles an Material, das sie finden konnten. „Wir haben noch versucht, Fotos reinzubringen, denn wenn du ein Gesicht siehst, dann macht das was mit dir“, sagt sie. „Wenn wir kein Foto hatten von der Person, dann haben wir versucht, alte historische Postkarten von Eberswalde zu finden, wo die Wohnhäuser von den Menschen drauf waren.“
2020 digitalisierten Grünwald und ihr Team das Buch und schufen dabei ein Online-Archiv mit Einträgen für mehr als 1.500 Jüdinnen und Juden, die in Eberswalde lebten oder Verbindungen dorthin hatten, bis ins 18. Jahrhundert zurück. Grünwald verbrachte Monate damit, nach Feierabend Namen und Informationen einzugeben. Das Archiv wird jetzt von Freiwilligen betreut, aber Grünwald aktualisiert es immer noch, wenn sie Neues entdeckt.
Das Zusammenstellen eines Gedenkbuchs ist nur ein Aspekt ihrer breiteren Bemühungen, die Geschichte der Region sicherzustellen. Grünwald leitet Führungen durch das jüdische Eberswalde und bindet Student*innen in die Recherchetätigkeit ein. Mit ihrer Initiative Al Tischkach hat sie das Verlegen von fast 70 Stolpersteinen koordiniert. Sie hat kürzlich mit Student*innen zusammengearbeitet, um einen jüdischen Friedhof zu restaurieren. Dabei haben sie Pfade freigemacht, Grabsteine gesäubert, die Inschriften dokumentiert und die Familienstammbäume rekonstruiert.
Ihre Arbeit hat auf die Stadt einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Als Grünwald entdeckte, dass die Bäckerei am Ort einst ein Bekleidungsgeschäft der jüdischen Familie von Emmy und Louis Feintuch gewesen war, erzählte sie dem Bäcker, Björn Wiese, davon. Wiese bat sie, einen Text zu schreiben, den er als Gedenktafel in der Bäckerei aushing. Als sie 2024 die Stolpersteine verlegten, luden Wiese und Grünwald Barbara Tsur, die Enkelin der Feintuchs, und ihre Verwandten zur Zeremonie ein. Wiese servierte ihnen allen Kuchen.
„Es ist das eine, eine Geschichte zu lesen, aber es ist etwas ganz anderes, den direkten Nachkommen derjenigen zu begegnen, die aus diesem Haus vertrieben wurden und so viel Leid erfahren mussten“, sagt Wiese. „Sie hat uns allen vor Augen geführt, welche menschlichen Schicksale sich hinter den historischen Fakten verbergen und wie nah uns diese Vergangenheit ist.“
„In die Zukunft gucken“
Eberswalde hat eine belastete Geschichte, zu der ein in ganz Deutschland bekanntes Verbrechen gehört. 1990 griffen Neonazi-Skinheads Amadeo Antonio an und ermordeten ihn. Er war Angolaner und arbeitete als Fleischer. Sein Mord war einer der ersten weithin bekannten Fälle rassistischer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland.
Grünwald versteht, dass Antirassismus- und Erinnerungsarbeit miteinander verflochten sind. Wenn sie Schulkinder unterrichtet, hebt sie die Individualität der Opfer hervor und zeigt auf, dass die NS-Verfolgung auf der lokalen Ebene geschah, auf den Straßen und in den heute noch vorhandenen Gebäuden, und zwar durch die Mittäterschaft der Menschen vor Ort, ob aktiv oder passiv.
Ellen Grünwald bindet die breitere Bevölkerung in alle ihre Initiativen ein, lädt Überlebende ein zu sprechen, arbeitet mit Universitäten zusammen und organisiert Freiwillige. Sie fördert einen Sinn für geteilte Verantwortung und für kollektive Verantwortlichkeit für die Erinnerung und hofft, dass diese Einstellung in der Zukunft weiter bestehen wird.
Zu den bereicherndsten Aspekten ihrer Arbeit gehören unerwartete Zufälle. Als ihr Sohn ein freiwilliges Jahr beim Memorial de la Shoah in Paris machte, zeigte er seiner Chefin das Eberswalder Gedenkbuch. „Sie blättert in dem Buch und sagt: ‚Ich glaub's nicht. Hier steht der Name meines Großonkels.“ Grünwald sagt: „Wir wussten gar nicht, was mit dieser Familie passiert ist. Und wir haben dann erfahren, dass sie nach Palästina fliehen konnten.“
Grünwald interessiert sich dafür, gerade solche Geschichten zu teilen. „Ich möchte aber auch in die Zukunft gucken und über das Leben der Menschen erzählen, die überlebt haben“, sagt sie. „Es ist wichtig, die Überlebenden nicht auf das Opferdasein zu reduzieren, sondern auch zu erzählen, dass sie erfolgreich waren, dass sie Familien gründeten und Berufe ergriffen haben. Das machen wir auch.“
Was vor fast zwei Jahrzehnten begann, als irrtümlich an der falschen Wohnungstür geklingelt wurde, bewegt sich bis heute durch Eberswalde und wirft ein Schlaglicht auf die Spuren einer Gemeinde, die praktisch vergessen war.
— Obermayer Award 2026