„Dass das so toll funktioniert, hätte ich nicht gedacht.“

Daniel Burmanns grundlegendes Buch baut für jüdische Familien Brücken und verbindet sie wieder mit ihrer Geschichte. 

Toby Axelrod

Daniel Burmann bringt Menschen zusammen – über Ozeane, über Generationen hinweg. Alle mit einer Verbindung zur ehemaligen jüdischen Gemeinde von Markt Berolzheim.

Burmann lebt mit seiner Familie in dieser bayerischen Kleinstadt. Er ist Hauptkommissar und Einsatztrainer bei der Bereitschaftspolizei im etwa 35 Kilometer entfernt gelegenen Eichstätt. In seiner Freizeit sammelt er seit mehr als einem Jahrzehnt Informationen über die jüdische Geschichte von Markt Berolzheim. Seine Recherchen haben ihn in die Vergangenheit geführt und auf ferne Kontinente, um die Nachkommen von Jüdinnen und Juden zu treffen, die einst dort lebten. 

2023 veröffentlichte er eine 614 Seiten lange Chronik der jüdischen Geschichte des Ortes: Juden in Markt Berolzheim – Schicksal einer jüdischen Landgemeinde.

„Meine ursprüngliche Intention war Erinnerung, dass die Geschichten nicht vergessen werden,“ sagt Burmann, 47. „Aber das Buch hat jetzt auch so eine Brücke geschlagen. Das ist ein Effekt, den ich mir gewünscht habe, aber dass das so toll funktioniert, hätte ich nicht gedacht.“

Der in Berlin lebende jüdische Publizist Rafael Seligmann, dessen Großmutter Klara Engel aus Markt Berolzheim stammte, beschrieb das Buch mit den Worten: „Er hat der jüdischen Seele seines Orts ein Denkmal gesetzt.“

In den letzten Jahren hat Burmann viele Nachkommen von Jüdinnen und Juden aus Markt Berolzheim kennengelernt, ob in Europa, Israel, New York oder seinem eigenen Dorf. „Daniel hat uns zwei ganze Tage lang zu verschiedenen Orten gefahren, hat uns mit selbstgemachtem Essen verwöhnt und uns die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Markt Berolzheim in Bezug auf unsere Familie erklärt“, sagt Daniel DiPietro aus Howell/New Jersey, USA.

Burmann half DiPietro, der Markt Berolzheim 2023 besuchte, das Original der Geburtsurkunde seines Großvaters Max Engel zu finden, „die wir brauchten, um die deutsche Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. Und als Daniel sein Buch fertiggestellt hatte, hat er uns ein Exemplar geschenkt.“

Die Leute kommen zu uns, sind am Anfang vielleicht reserviert, weil sie nicht wissen, was sie von uns erwarten. Und dann gehen sie als Freunde.
— Kathrin Burmann

Susan Greenfeld Harans aus Pikesville/Maryland, USA, war eine von rund 60 Personen bei einem Treffen, das Burmann im April 2025 in New York City organisierte. „Es war eine fantastische Veranstaltung,“ sagt Harans, deren Großmutter Betty Lowensteiner Hellman 1922 in Markt Berolzheim geboren wurde. „Tatsächlich kannten sich die meisten Familien gar nicht – und sie wären Nachbarn gewesen, hätte es die dunklen Zeiten des Holocaust nicht gegeben.“

Markt Berolzheim, dessen Bevölkerung heute etwa 1.400 zählt, war historisch vom Viehhandel geprägt. Die kleine jüdische Gemeinde ging auf das späte 16. Jahrhundert zurück; es gab eine Synagoge, eine Schule und ein Ritualbad. 1910 lebten 67 Jüdinnen und Juden in Markt Berolzheim. Sie litten so stark unter dem Nazi-Regime, dass alle bis November 1938 den Ort verlassen hatte. Die meisten, die in Europa blieben, wurden im Holocaust ermordet. Eine 1998 eingeweihte Gedenkstätte erinnert an diese Vergangenheit.

Daniel Burmann kam 1978 im nahe gelegenen Gunzenhausen zur Welt. Er erinnert sich, dass seine Großmutter „mir als Kind erzählte, dass es jüdische Familien in Markt Berolzheim gegeben hatte. Sie wusste aber sonst nichts, weil sie selbst noch ein kleines Kind war, als die Juden Markt Berolzheim verlassen mussten.“

1998 war er mit 20 Jahren bei der Einweihung der Gedenkstätte dabei. „Ich war da, weil es mich interessiert hat, aber [für mich] waren die Verbindungen noch nicht so richtig da.“ Es verging einige Zeit, bis er anfing, diese Verbindungen mit den Nachkommen der untergegangenen Gemeinde zu knüpfen.

Nach der Schule leistete Burmann seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr. „Das hat mir eigentlich von der Kameradschaft gut gefallen,“ sagt er. „Da habe ich gedacht: Mensch, vielleicht ist die Polizei was für mich.“

„Eine symbiotische Freundschaft“

Von einer jugendlichen Vision inspiriert, dass er „vielen Leuten helfen“ könne, begann er 2001 seine Karriere. Sein Interesse an der Geschichte kam 2014 wieder auf, als er eine Ausstellung über Männer aus Markt Berolzheim, die im Ersten Weltkrieg gedient hatten, organisierte. Auf der Suche nach Quellen fand er eine Chronik aus den 1920er Jahren, geschrieben von einem Pfarrer, der Soldaten aus dem Ort interviewt hatte. „Da sind das erste Mal jüdische Namen aufgetaucht,“ sagt Burmann, „weil natürlich auch Juden für ihr Vaterland gekämpft haben.“

Er begann zu fragen, was aus den 22 jüdischen Soldaten nach dem Krieg geworden war. „Da habe ich schon die ersten Informationen bekommen, dass welche im Holocaust ums Leben gekommen sind und wo die hingekommen sind,“ sagt er. „Und das war dann noch so ein Trigger, wo ich mir gedacht habe: ‚Oh Gott, was war denn da alles los?‘ Auf einmal siehst du den Zusammenhang mit Auschwitz oder Treblinka und denkst dir: ‚Oh Gott!‘ Und dann habe ich mir gedacht, ich muss das unbedingt aufschreiben, damit die nicht vergessen werden.“

Drei Jahre lang hat er abends und an Wochenenden Informationen über jüdische und nicht-jüdische Soldaten gesammelt. Er wurde auch zum ehrenamtlichen Archivar des Ortes; Auslöser dafür war die Notwendigkeit, das historische Material von Markt Berolzheim zu ordnen. Während diese Zeit nahm er per Email Kontakt mit Lin Herz auf, einer Nachkommin der Familie Levi aus Markt Berolzheim, die in Florida lebt. Er fand sie über eine Genealogie-Website.

„Burmann sagte mir, dass es sehr leicht war, Informationen über die christlichen Soldaten zu finden,“ sagt Herz, „aber über die jüdischen Soldaten konnte er gar nichts finden.“ Lin Herz ist in New York geboren; ihre Eltern waren aus Nazideutschland geflüchtet. Sie hatten sich in einem Klub für deutsche Jüdinnen und Juden kennengelernt. Zufälligerweise hatten beide jüdische Vorfahren aus Markt Berolzheim; Herz kann ihre Wurzeln dort bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.

„Ich hatte Informationen über den Wehrdienst meines Großvaters und seine Entlassungspapiere, und einen Text von ihm über seine Erlebnisse, als er im Ersten Weltkrieg diente,“ sagt sie. Und Burmann hatte Namen und Informationen über jüdische Familien aus dem Ort, auch über ihre Vorfahren. 

„Wir haben also eine symbiotische Freundschaft entwickelt,“ sagt sie. „Er half mir mit meiner Genealogie, und ich gab ihm Informationen für sein Buch.“

Schließlich veröffentlichte er 2017 die 425 Seiten starke Kriegschronik für Markt Berolzheim 1914-1918 mit einem Kapitel über die lange vergessenen jüdischen Soldaten. 

Ein Jahr später nahm Burmann mit einer Pfarrerin aus Markt Berolzheim an einer Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau teil. Dort erhielt er massive Informationen über Jüdinnen und Juden aus seinem Dorf, die dort inhaftiert gewesen waren.

„Da ging es dann so richtig los,“ sagt Burmann. Er begann mit den Recherchen, die zu seinem umfangreichen Buch zur jüdischen Geschichte des Orts führen sollten. „Ich habe das oft abends gemacht, wenn meine Kinder im Bett waren,“ erinnert er sich.

„Es war ein schwieriger Prozess, das Buch zu schreiben, da habe ich einige schlaflose Nächte gehabt,“ sagt er. „Wenn du dann erfährst, wer ist umgebracht worden, wie war das? Du kannst ja nicht nur schreiben, ‚die sind umgebracht worden,‘ sondern du versuchst ja, Informationen zu finden: Wo war das? Wie ist das damals abgelaufen? Wie sind die transportiert worden? Und dann kriegst du Zeitzeugenberichte und und und. Das Grauen wird eigentlich dadurch immer greifbarer.“

„Warum machen wir das überhaupt?“

2023 brachte Daniel Burmann mit seiner Familie ein Exemplar des Buchs nach Yad Vashem, Israels Gedenkstätte und Museum für den Holocaust. Zum ersten Mal traf er Nachkommen von Jüdinnen und Juden aus Markt Berolzheim; einige, wie Lin Herz, waren aus den USA angereist.

Jemand fragte, ob die Burmanns jüdisch seien. Er verneinte.

Die Reaktion war, „warum wir das überhaupt machen, das Ganze. Ich habe dann einfach gesagt, dass wir nicht jüdisch sind, aber wir haben ja auch eine Verantwortung. Zum Beispiel: meine Urgroßväter waren Nazis. Ich finde es ja umso wichtiger, dass das jemand macht, der aus der Täterseite kommt und auch aus dem Ort kommt.

Ich habe ihnen auch erklärt, dass ich das Buch geschrieben habe, damit diese Opfer nicht vergessen werden.“

Burmann sammelte mit Unterstützung seines Vaters Geld, um das Buch im Selbstverlag zu veröffentlichen. Ihm wurde geraten, das Buch zu kürzen, um Druckkosten zu sparen, aber er lehnte diese Option ab. „Ich kann ja nicht einfach Leute rausstreichen“, war seine Antwort. 

Das umfangreiche Buch erschien 2023. Fast 200 Personen haben die Buchvorstellung in einer Kirche am Ort besucht. So viele Menschen wollten das Buch kaufen, erzählt Herz, dass die Schlange sich ins Freie erstreckte, sagt Herz. „Wir waren erstaunt. Es war nur wegen Daniel, dass sie davon erfuhren, sich dafür interessierten und mehr erfahren wollten. Nur wegen Daniel.“

Seit der Publikation hat die Familie Burmann etwa 20 Besuche von Personen mit Wurzeln in der jüdischen Gemeinde von Markt Berolzheim bekommen. „Es ist schon wahnsinnig, wie sich das alles im Laufe der Zeit entwickelt,“ sagt seine Frau Kathrin. „Am Anfang war das Interesse am Buch an sich, an der Geschichte. Und dann sind im Laufe der Jahre immer mehr Kontakte entstanden.

So als würde man einen Stein ins Wasser werfen und die Kreise werden immer größer. Keine Ahnung, wo das endet. Die Emotionen – was man dann erlebt oder auch selber wahrnimmt – da bin ich so ergriffen,“ sagt sie. „Die Leute kommen zu uns, sind am Anfang vielleicht reserviert, weil sie nicht wissen, was sie von uns erwarten. Und dann gehen sie als Freunde.“

Viele von ihnen haben Briefe geschrieben, um Burmanns Nominierung für einen Obermayer Award zu unterstützen. Die Nominierung hielt seine Familie vor ihm geheim. „Zu sehen, was die Arbeit von meinem Papa für einen Einfluss auf diese ganzen Menschen hatte und wie berührend das für sie war, das war natürlich für mich dann auch sehr berührend. Es hat mich einfach sehr stolz gemacht,“ sagt seine Tochter Mia, die an der Universität Eichstätt Geschichte und Englisch studiert.

„Irgendwann ist es ja dann unsere Aufgabe, die Demokratie zu schützen,“ sagt sie mit Bezug auf ihre Generation. „Und durch so eine Erinnerungskultur kann das gut gemacht werden.“

„Für viele Nachkommen war Markt Berolzheim nur ein blinder Fleck, mit dem man nichts zu tun haben will, und sie wurden auch nicht gesehen,“ sagt Burmann. „Das hat sich jetzt geändert.“

Es gibt auch immer wieder neue Entdeckungen. Im August 2024 brachten Joshua and Amanda Gurock aus Albany/New York ein altes Fotoalbum nach Markt Berolzheim. Günther Schloss, der verstorbene Großvater von Joshua, der in Markt Berolzheim geboren war, hatte darin Fotos von jüdischen Bewohner*innen sorgfältig beschriftet. 

„Unter einem Bild stand der Name Lina Levi. Ich dachte: ‚Oh Gott, die habe ich in meinem Buch, aber ohne Bild.‘ Die ist ermordet worden von den Nazis,“ sagt Burmann. Er mailte das Foto Lin Herz, einer entfernten Verwandten von Lina Levi.

Die ersten Worte der Mail waren: „Setz dich hin, ich habe eine Überraschung für dich,“ sagt Herz. „Und dann öffne ich diese Mail und da ist ein Bild von einer Frau. Plötzlich ist da ihr Gesicht.“

Da das Bild von Lina nicht in Burmanns Buch war, schrieb er 2024 einen Artikel über sie für Alt-Gunzenhausen, einer Publikation für Lokalgeschichte. „Meiner Meinung nach ist sie jetzt geehrt worden, so wie die anderen, die im Buch abgebildet sind,“ sagt Herz. Sie wünscht sich, dass ihre verstorbene Mutter das Foto hätte sehen können. „Das hätte sie gefreut.“

Bei dem Treffen, das Burmann im vergangenen April in New York City organisiert hatte, hielt Herz das Fotoalbum endlich in den Händen. Er lud alle amerikanischen Nachkommen zu einem Berolzheimer Abend ein.

„Da waren Cousins und Cousinen, die ich noch nie getroffen hatte, auch ganz entfernte,“ sagt Herz. „Ohne Daniels Arbeit wären diese Menschen in diesem Raum nie zusammengekommen. Das war sozusagen ein Wiederaufbau der Gemeinde, die es [ohne den Holocaust] gegeben hätte.